Kōya-san – heilig aber kalt

Von dem Ort Kōya-san hatte ich schon öfter mal was gelesen, aber es bislang nicht geschafft in eine Reiseplanung aufzunehmen. Aber jetzt gab es keine Ausreden mehr und 3 Tage / 2 Nächte sollten ausreichend Zeit geben, die Atmosphäre des Orts aufzusaugen.

Das Gebiet wurde im Jahre 816 von dem buddhistischen Mönch Kūkai erschlossen, der dort eine der ältesten und wichtigsten buddhistischen Schulrichtungen Japans gründete. Ich weiß zu wenig vom Buddhismus, um hier fachkundig zu berichten. Unstrittig ist aber, dass Kōya-san eines der wichtigsten religiösen Zentren Japans ist und sowohl in der Geschichte als auch im heutigen gelebten Glauben eine wichtige Rolle spielte.

Den Empfehlungen verschiedener Reiseblogs nach, habe ich mich gegen eine Übernachtung im klassisches Hotel und für einen Tempelaufenthalt entschieden. Die Anfahrt war schon das erste Abenteuer. Von Kyoto aus, nimmt man den Zug nach Osaka, dann Umsteigen in einen Bummelzug, dann Umsteigen in den nächsten Bummelzug, dann Umsteigen in den dritten Bummelzug, dann Umsteigen in eine Bergseilbahn und dann Umsteigen in einen Bus und dann ist man endlich da. Der Tempel wurde bezüglich Komfort in den Guides als Mittelklasse eingegliedert und auf den ersten Blick sieht das alles schon sehr vielversprechend aus. Die Tempelanlage ist gepflegt und die Gebäude ursprünglich und urig. Mein Zimmer ist groß und klassisch japanisch eingerichtet, mit Tatami-Matten auf dem Boden, Futon (auf dem Boden liegende Matratze), Kotatsu (tiefer Tisch mit beheizbarer Tischplatte) usw. Da in dem traditionellen Gebäude aus Holz und Papier alles ein wenig zugig ist, hat man mir noch ein Heizöfchen reingestellt. Im Dorf wurden schon die Bürgersteige hochgeklappt, also richte ich mich im Zimmer ein und kurz nach 17:00 Uhr wird bereits zum Abendessen gerufen.

Das frühe Abendessen besteht aus veganer Kost, so wie sie die ansässigen Mönche und Priester zu sich nehmen: schmackhaft und mit Sicherheit sehr gesund. So langsam lass ich mich auf die Atmosphäre ein und genieße die abgelegene Ruhe. Mit den letzten Sonnenstrahlen verschwindet aber auch die Wärmequelle und das Gebäude aus Holz und Papier kühlt rapide ab. Ich husche schnell ins Gemeinschaftsbad, denn warmes Wasser gibt es nur zwischen 16:00 und 19:00 Uhr. Unter dem heißen Wasser ist alles gut, aber abtrocknen und umziehen im eisigen Raum eher nicht. Schnell ins Zimmer und Heizöfchen an. Ich kauere vor dem Öfchen und wende mich regelmäßig. Entweder friert der Rücken oder der Darm, man kann nicht beides haben. Da ich so einen Elektroofen nicht die ganze Nacht durchlaufen lassen will, schalte ich ihn aus, mummel mich in die dicke Decke auf meinem Futon ein und gehe früh schlafen.

Der Wecker klingelt um 5:30 morgens, rechtzeitig für das Morgengebet. Zum Glück ist der Ofen mit einem Thermometer ausgestattet. Dadurch kann ich vom Futon aus ablesen, dass es im Zimmer 5°C sind. Fuck. Zitternd und schlotternd betreibe ich etwas Katzenwäsche am eiskalten Wasserhahn und dann schnell warm anziehen. Nach kurzer Überlegung ziehe ich zwei Pullis übereinander und die dicke Winterjacke an, bevor ich zum Tempelraum gehe. Gute Entscheidung, denn im Tempelraum ist es gefühlt noch kälter. Das Morgengebet dauert etwa eine Stunde und obwohl ich nichts verstehe, haben die von den Priestern gesungenen Sutras meditativen Charakter und die Atmosphäre ist schön. Nach dem Gebet geht es direkt zum Frühstück, leider wieder sehr asketisch. Ein richtig heißer Kaffee wäre jetzt schön gewesen.

Sutra on the Perfection of wisdom (www.youtube.com/@Sentaijizo)

Für den Tag hatte ich mehrere Führungen durch den Ort gebucht. Die Details sind uninteressant, aber der Ort hat geschichtlich so einiges zu bieten. Am eindrucksvollsten ist das Allerheiligste, der Ort an dem der Mönch Kūkai verstarb. Der dortige Tempel liegt mitten in einem alten Zedernwald und ist umgeben von einem riesigen Friedhof. Alles was in Japan Rang und Namen hat, will hier sein Grab haben. Von Shogunen und Kaisern über Samurais und Kriegsfürsten bis hin zu modernen Millionären und Firmen, alles ist hier anzutreffen. Man geht u.a. vorbei an den Gedenkstätten von Toshiba, Mitsubishi und anderen bekannten Namen. Dem Glaube nach wartet Kukai im Zustand der ewigen Meditation auf die Erscheinung des kommenden Buddha und jeder Gläubige möchte zum Zeitpunkt der Erscheinung diesem so nahe wie möglich sein.

Die Besichtigung des Friedhofs und des Mausoleums sind auch bei Nacht möglich und gerade dann ist die ganz besondere Atmosphäre des Ortes nochmal stärker zu spüren. Zusammen mit meinem Guide laufen wir durch die die von Laternen gesäumten Wege. Am Anfang erklärt er noch die ein oder andere Besonderheit, aber schließlich genießen wir einfach die stille Atmosphäre und lassen die Gedanken schweifen. Vor dem Mausoleum stimmt er dann ein Mantra an. Erst ein wenig verschämt, dann kräftiger siengt er auswendig die klangvollen Silben in die Stille und für mich ist das der perfekte Abschluss eines eindrucksvollen Tags.

Happy, aber durchgefroren bis auf die Knochen komme ich im eiskalten Tempel in meinem eiskalten Zimmer an. Kurz Ofen an, dann ins Bett, das nächste Morgengebet in eisiger Kälte wartet. Den nächsten Morgen wappne ich mich zitternd mit noch mehr Kleidungsschichten. Vor der Abfahrt nehme ich noch an einer Feuerzeremonie teil (Wünsche auf Holzstücke schreiben und dann verbrennen) und nehme dann meinen Abschied von diesem besonderen Ort.

Ob Kōya-san eine Reise wert ist, muss jeder für sich entscheiden. Die schöneren Tempel und Gärten gibt es definitiv an anderen Orten, die Anreise ist beschwerlich und man muss sich auf den religiösen Aspekt einlassen. Aber wenn man dafür offen ist, kann man eine andere Seite Japans kennenlernen, jenseits der ausgetretenen Touristenpfade. Aber bitte, bitte, folgt meinem Rat und macht die Reise nur zu einer warmen Jahreszeit.

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